michaela niederkircher
Elke Krasny: Den Raum lesen


Bibliothek, die Sammlung von Büchern, heisst eigentlich Büchergestell. Aus den Gestellen der Bücher, dem Aufgestellten, wird das Buch geholt, vom aktuellen Verlangen nach einem, mehreren Büchern aus der Sammlung bricht man auf in den Speicher, in das gespeicherte Wissen, den Ausdruck kultureller Sammlung. Mit einer Gruppe von Schülerinnen zeichnete Michaela Niederkircher perspektivische Raumausschnitte im großen Lesesaal. Ihr Interesse für das Dahinter der Bücher war geweckt. Auf derselben Ebene, im ersten Stock liegt das Magazin, das für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Die Helfer, die die Bücher holen, verbinden den einen Ort mit dem anderen.

Niederkircher machte sich daran den Raum zu explorieren, von außen nach innen. Annäherungen. Die erste der sechzehn Fotoarbeiten dieser Serie führt aus dem Speicher hinaus, das Draußen ist verschwommen. Klarheit, die herrscht drinnen. Der Blick führt aus dem Fenster des Magazins, und Bibliotheken sind ja wie ein Fenster zur Welt, auf das Gebäude gegenüber. Das Draußen verschwimmt, bewegt sich zum Drinnen der Bücher, in dem das Draußen ein anderes Leben, Nachleben, Vorleben, zu führen begonnen hat. Dann führen uns drei Fotografien mit einem zentralperspektivischen Blick in die eigentlichen Buchreihen. Rechts und links die Regale, vom Boden bis zur Decker Bücher: zwischen den Gestellen. Eine Landschaft des Wissens entfaltet sich, unaufgeschlagen, gespeichert, vorhanden. Es ist die verschlossene Welt der Bücher, die geschlossenen Reihen des Speichers, in denen sich die offenen Räume der Gedanken bewegen können. Auf Bestellung? Bewegt man sich durch die Reihen, blickt man die Buchrücken entlang, so fühlt man die Enge, vielleicht auch die wirkende Last des Gesammelten, aber auch die Weite des Denkmöglichen, aufgeschrieben, bewahrt, verwahrt. Es ist ein benutzter Raum, aber er strahlt Verlassenheit aus, Ruhe, Stille, Sammlung. Wie viel von diesen Büchern wird wirklich herausgegriffen, tritt die Reise in den Lesesaal an, wie viele Bücher werden wirklich gelesen, von Anfang bis Ende. Beruhigendes Wissen um das Vorhandensein. Die Fülle hat aber auch die Figur des Bedrückenden, des auf den Leib Rückenden. “Kein Archiv ohne die eingerichtete Verräumlichung eines Ortes des Eindruckes.”, schreibt Jacques Derrida in “Dem Archiv verschrieben”. Ich bemühe den Gedanken des Archivs und verbinde ihn mit dem der Bibliothek. Speicherorte beide, Orte des Ausdrucks, wie wir mit dem Wissen umgehen. Orte des Ausdrucks, wie die vertikale Achse der Erinnerung sich mit der horizontalen Achse einer lesenden, schauenden, reflektierenden, nach-sinnenden Gegenwart trifft. Die physische Sicherheit des Depots ist entscheidend, die Ordnung ebenso. Es gilt die Bücher wieder aufzufinden, am richtigen Ort. Ein verreihtes Buch ist wie ein verlorenes Buch, nur durch Zufall kann es wieder entdeckt werden. Verlust, das ist die Urangst des Archivs, der Bibliothek, denn es geht um die physische Bewahrung des Bestands. 
Niederkircher nähert sich diesem Bestand gezielt zufällig. Wir nähern uns den Regalen, ausschnitthaft. Da gibt es Buchrücken zu entdecken mit Namen mit Gewicht, Che Guevara, Hitler, Schiller, Shakespeare. Ist das das kollektive Gedächtnis, das bleibt, so beginnt man sich zu fagen. Namen und Bücher, Namen auf Buchrücken, männliche Namen. Da gibt es Stichworte wie Geld oder Medizin oder Menschenrechte oder Syrien, so zufällig ist der Zufall dann doch nicht. Er stellt Assoziationen her. Dann wieder Pakete mit verpackten Zeitungen, am schnellsten veraltet und dennoch vielleicht lebendigster Zugriff auf vergangene Gegenwart, wie wurde alltäglich über das Geschehen berichtet, aus welchen Perspektiven? Nun sind sie gebündelt, die täglichen Alltagsaufnahmen. Altpapier, nicht zum Entsorgen, sondern zum Versorgen der Zukunft mit dem medialen Erleben vergangener Gegenwart. 

Bestand und Zugriff, das sind die zentralen Figuren der Bibliothek. Die Bücher, sie stehen in Reih und Glied, geordnet. Sie folgen unserem Zugriff. Diese Figuren greift Niederkircher fotografisch auf, statuiert Exempel. Sie greift zu. Wir lesen nicht in den Büchern, wir lesen die Figur der Bibliothek, wir lesen die Bücher als Ort. Und wir sehen einen Arbeitsplatz, verlassen. Ein leerer Schreibtisch mit einem Stuhl vor einem Fenster. Hier wird sonst gearbeitet, mit den Büchern. Und die Fotografien entführen uns in die Bücher, von den Büchern aus in die Ferne, doch wir verlassen dne Raum nicht. Wir sehen ein altes Segelschiff, ein Relief über das Leben Buddhas, die Mona Lisa. Wir erforschen die Bücher, Farben, Größen, Materialien, Buchrücken. Eine andere Ordnung als die des Alphabets oder des Themas legt sich über die Büchergestelle. Die Materialität der Bücher wird greifbar in ihrer großen Unterschiedlichkeit, alt, neu, groß, klein … Und immer wieder das in den Raum Gestellte: die Gänge, die Regale, die Wände, die Durchblicke. Wir reisen durch das Magazin. 

Das 19. Jahrhundert schuf sich mit Guckkästen oder Kleinpanoramen mit optischen Linsen die Zimmerreise. Zimmerreise oder Malerische Reise, das war die weite Ferne in sichere Nähe geholt, ins Zimmer, nach Hause. Moritz Gottlieb Saphir beschrieb so eine Zimmerreise 1827: “"In einem Zimmer sitzen und doch reisen, ist desto angenehmer, da weder Staub, noch Zoll- und Visitationswesen die Reisenden inkommodiert." Zur Fotografie hat die Zimmerreise ein nahes Verhältnis, mit dem Stereoskop verließ die Raumillusion die Zweidimensionalität wurde dreidimensional. Michaela Niederkircher entführt uns in eine Zimmerreise, eine Speicherreise, eine Bibliothekstour. Die Zimmerreise ist eingeschrieben in die Figur der Bücher, wir bleiben an einem Ort, die Gedanken reisen. Der Raum entführt uns, “der Raum atmet aus”, so Niederkircher. Mit dem Atemzug lädt er uns ein zur Zimmerreise, ins Spiel mit den räumlichen Dimensionen, den inhaltlichen ebenso. 

Ein Speicher, viele Räume, ein Raum, viele Speicher. Reise braucht Orientierung, Reise braucht Überraschung, Reise braucht Zufall, nur dann können wir etwas entdecken. Auf ihrer Zimmerreise durch die Büchergestelle lässt sich Niederkircher von ihrer Neugierde leiten und von der Anziehungskraft des Gegebenen. Gedanken, Bilder, Geschichte, Geschichten, vergangene Welten, weit entfernte Territorium und dazwischen die Stille der Bücher. Sie überlagern sich. Bibliothek, das ist die Reise in Inhalte. Man verfällt der Suche, süchtig nach Einblicken. Im Speicher, Bewegungen im Herzen des Wissens, das kann unheimliche Dimensionen annehmen. Unmöglich ist es, alles aufzunehmen, in alles hineinzuschauen, alles zu lessen. Beruhigend ist es, dass es da ist. Bücher zum Lesen. Hat man sich beruhigt, kann man wieder in den Raum zurückkehren, die Qualitäten des Zimmerreisens wörtlich nehmen. Niederkircher folgt ihrer Raumintuition, allein. Sie und die Büchergestelle, sie und die Wege zwischen das Gestellte, in Kunstlicht getaucht. Viel lebendiges, gedachtes Wissen, viel Staub, der sich auf den Bestand legt. Draußen sind die Lesenden, sie vertiefen sich in ihre Bücher, brechen zu ihren eigenen Zimmerreisen auf. Drinnen im Speicher ist die Fotografin allein mit dem Raum. Die Geschichten, Anekdoten, Abhandlungen, Romane, Biografien, Thesen, Novellen, Gedichte, sie sind alle da. Aber wir lessen sie nicht. Wir lesen den Raum, ganz ruhig, ganz präzis, ganz still. Zwischen die Bücher gestellt kann man versinken in deren Betrachtung, in deren Ansehen.

2006, serie, 10 farb- und schwarzweißfotografien, 50 x 50 cm, ed. 1/3

Text: Elke Krasny

 

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