michaela niederkircher
Elke Krasny: Es sind die Pausen nicht die Wörter

Im Mittelpunkt dieser fotografischen Collage steht eine Frau, das vergrösserte Passbild einer Frau. Dieses zeigt die Künstlerin selbst, seit Jahren begleitet sie dieses Bild. Entstanden ist diese Aufnahme zufällig, in einem Paßbild-automaten, vor vielen Jahren auf einer Reise nach Berlin in die damalige DDR. Der Lauf der Zeit ist rätselhafterweise an diesem Schnappschuss, an diesem zufällig eingefangenen Moment, fast spurlos vorübergegangen. Unversehrt reiste diese Erinnerung an eine Reise durch die Zeit. Nun ist es in der Collage in einem anderen Raum angelangt. Das Bild des Raums ist im Gegensatz zum Bild der Frau voller Spuren, Kratzer, Lichtflecken, kleiner Risse, Staub und Schmutz. Ganz bewusst hat Michaela Niederkircher diese Verunreinigungen nicht wegretuschiert, ganz im Gegenteil sie hat sie belassen, macht sie in der Vergrösserung erst wirklich deutlich sichtbar. Sie hat das, was sonst als Fehler, als Makel angesehen wird, nicht nachträglich verändert oder korrigiert.
Die Augen geschlossen, so ist die Frau auf diesem Schnappschuss porträtiert. Den Blick nach innen gewandt, die schweigenden, konzentrierten Augen den Betrachterinnen zugewandt. Zufällig eingefangen ist der Moment des Innehaltens, der Reflexion, der Wendung nach innen. Diese Frau befindet sich nun in diesem Raum, die Tür zu diesem Raum ist geöffnet, Licht kann hereindringen. Das Spiel von Licht und Schatten, von erhellten und im Dunkeln bleibenden Bereichen umgibt das Bild der Frau. Ausgangspunkt für eine neue Reise, Assoziationen zur Vergangen-heit, Assoziationen zu dem, wo sie nun hingelangt ist, Assoziationen zur Reise, zu der sie aufbrechen kann, wenn sich die Augen wieder geöffnet haben. Der kurze Moment der Geschichte einer Frau, eingefangen in diesem Raum, dessen Tür sich bereits geöffnet hat, nach außen.
Wie könnte es weitergehen? Wird diese Frau, deren Blick noch ganz nach innen gerichtet ist, die Augen aufschlagen. Was wird sie sehen? Wird sie das Schweigen brechen, die Tür ist bereits aufgestossen. Das Licht dringt herein … a room of one's own, den hat diese Frau betreten, ihn auch für die Betrachterinnen geöffnet. "Um das Schweigen zu brechen und doch es geht um die Pausen und nicht um die Wörter", sagt Michaela Niederkircher über ihre Arbeit.

Text: Elke Krasny

 

- -
- nach oben -